Die eine Klage

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden,
bittrer Trennung Schmerz;
wer geliebt, was er verloren
lassen muß, was er erkoren,
das geliebte Herz,

der versteht in Lust die Tränen
und der Liebe ewig Sehnen
eins in Zwei zu sein,
eins im andren sich zu finden,
daß der Zweiheit Grenzen schwinden
und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt ein Wesen lieb gewinnen,
oh! den tröstets nicht,
daß für Freuden, die verloren,
neue werden nachgeboren:
Jene sinds doch nicht.

Das geliebte süsse Leben,
dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick
Dieses Suchen und dies Finden
Dieses Denken und Empfinden
Gibt kein Gott zurück.

Karoline von Günderode