Ein Wörtchen Medizin

Schüler zu Mephistopheles,
Faust 1, ab Zeile 2000 bis Zeile 2038


S: Verzeiht, ich halt Euch auf mit vielen Fragen
Allein ich muß Euch noch bemühn
Wollt Ihr mir von der Medizin
Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen?

M: (für sich) ich bin des trocknen Tons nun satt,
Muß wieder recht den Teufel spielen.
(laut)
Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen,
Ihr durchstudiert die groß' und kleine Welt,
Um es am Ende gehen zu lassen,
Wies Gott gefällt.
Vergebens, daß Ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
Ein jeder lernt nur was er lernen kann;
Doch der den Augenblick ergreift,
Das ist der rechte Mann.
Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut,
An Kühnheit wird's Euch auch nicht fehlen,
Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut,
Vertrauen Euch die anderen Seelen.
Besonders lernt die Weiber führen!
Es ist ihr ewiges Weh und Ach,
So tausendfach
Aus einem Punkte zu kurieren,
Und wenn Ihr halbwegs ehrbar tut,
Dann habt Ihr sie alle unterm Hut.
Ein Titel muß sie erst vertraulich machen,
Daß Eure Kunst viel Künste übersteigt;
Zum Willkomm tappt Ihr dann nach allen Siebensachen,
Um die ein andrer viele Jahre streicht,
Versteht das Pülslein wohl zu drücken
Und fasst die, mit feurig-schlauen Blicken,
Wohl um die schlanke Hüfte frei,
Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei.

S: Das sieht schon besser aus, Man sieht doch wo und wie!

M: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
und grün des Lebens goldner Baum.

Goethe